Thomas Hauschild – eine Stimme, die bleibt
„LomonaK drängt. Er hält mich am Arm fest und zieht. Zum Essen will er mich einladen, bei sich zuhause. Dabei ist es schon drei Uhr nachts, das ist selbst in Italien eine ungewöhnliche Zeit für eine deftige Mahlzeit unter Freunden. Seine Wohnung ist nicht weit, nur ein paar Dutzend Schritte die Via Vittorio Emanuele hinunter. Ich war schon oft dort zu Besuch. Wir sind alte Bekannte.
Weil ich fremd war in Italien und mit undurchschaubaren Beziehungen versehen, lud man mich damals häufig ein, zumindest in ländlichen Gegenden - aber nachts? LomonaK zieht an meinem Arm, Da meldet sich eine leise Stimme. Sie argumentiert nicht, sie fragt auch nicht, sie befiehlt: „Lass’ das sein!“
LomonaK hält mich mit knochigen Fingern, er zieht und redet ohne Unterlass. Ich entziehe mich, es ist zu spät, ich bin müde. Er gibt auf, „e va bene!“ Wir umarmen uns.
Ich bin 35 Jahre alt, in der Mitte des Lebens, er ist doppelt so alt wie ich. Beim Umarmen fühlt sich der alte LomonaK seltsam kühl an und auch ein bisschen, als sei er federleicht, innen hohl, wie eine Figur aus Pappmaché. Kühl, mitten in einer heißen Sommernacht? Was das Alter bloß mit uns anrichtet! Gleich morgen Vormittag werde ich die Beiden besuchen, LomonaK und seine Frau, meine alten Nachbarn.“ („Gespenst im Kopf. Die Unvermeidbarkeit von Religion“, S. Fischer Verlag, im Erscheinen)
Mit diesen Worten beginnt Thomas Hauschilds‘ letztes Buch, ein Buch, dessen Erscheinen er leider nicht mehr miterleben kann. Er hatte die Gabe, Menschen mit seinen Worten in den Bann zu ziehen. Er war einer der Großen, die die Sozial- und Kulturanthropologie stark geprägt haben, ein Grenzgänger, auch über disziplinäre Grenzen hinweg, der sich zeitlebens für die Grenzgänge des Menschen interessierte, für seine Untiefen, seine Zerbrechlichkeiten, seine Ungereimtheiten, seine Traumatisierungen und der es vermochte, diese mit den großen Fragen zu verbinden – und große Antworten zu finden.
1955 im West-Berlin des Kalten Krieges geboren, war er in seiner Jugend in linksradikalen Gruppierungen involviert, Erfahrungen, die ihn bewegten, aus der Radikalität auszusteigen und Ethnologe zu werden, um „alles an(zu)gucken aus der Ferne, oder auch aus größter Nähe – und dabei alle ganz ernst zu nehmen“, eine Art „reflexiver Realität, die das alles untersucht, die Extreme, die Abartigkeiten, die Gewalt etc.“ (DAD MEN TALKING am 11.5.24 Thomas Hauschild & Carl Hegemann beim Theatertreffen Berlin). Er studierte Ethnologie, Volkskunde und Religionswissenschaft in Hamburg und promovierte 1979 mit einer Studie über den „bösen Blick“, habilitierte 1990 in Köln.
Von seinem Wunsch radikal zu beobachten, ist er niemals abgewichen. Wichtig war ihm die Erkenntnis, nicht die Meriten. Thomas stellte immer die großen Fragen und gab sich niemals mit den kleinen Antworten zufrieden. Er zog immer den ganz weiten Bogen, von rituellen Praktiken in einem kleinen Dorf in Süditalien zur Weltpolitik, von klientelären Verstrickungen hin zu geopolitischen Fragen von Gewalt und Traumata, von der geografischen Nische im Mittelmeerraum zu Fragen nach der Unvermeidbarkeit von Religion.
Professuren in Tübingen und Halle-Wittenberg folgten, zahlreiche Fellowships, Gastdozenturen, ehrenvolle Mitgliedschaften wie die in der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Er war Mitherausgeber der Zeitschrift für Kulturwissenschaften und der Zeitschrift für Historische Anthropologie. Unvergessen bleiben auch seine Ausstellungen wie „Ein Traum vom Fliegen“ (zusammen mit Britta Heinrich, HKW Berlin 2011). Als Grenzgänger arbeitete er immer wieder intensiv mit Bühnenregisseuren wie Christoph Schlingensief, Christoph Marthaler oder Carl Hegemann zusammen.
Als Grenzgänger inspirierte er und ließ sich inspirieren. So auch von seiner Begegnung mit LomonaK, einem Toten während seiner Forschung als junger Mann in Süditalien, einem Nachbarn in Ripacandida mit Spitznamen LomonaK, „das Mönchlein“, die ihn zu seinem letzten Buch inspiriert hat:
„Ich denke nach, krampfhaft, dann bin ich mir sicher: vor zwei, drei Jahren hat Fede in Deutschland angerufen und mir erzählt, dass leider nun auch LomonaK gestorben sei, ein paar Tage nach dem Tode seiner Frau. [… ]. In meinem Gehirn, das kann ich nur dazu sagen, ist die Sache dort abgespeichert, wo Realitäten gesammelt werden, bei den Erinnerungen, nicht bei den Phantasien oder Halluzinationen, obwohl ich doch zu denen gehöre, die Begegnungen mit lebenden Toten ausschließen.“ („Gespenst im Kopf. Die Unvermeidbarkeit von Religion“, S. Fischer Verlag, im Erscheinen)
Wie gerne wäre er im Alter noch einmal nach Süditalien in die Basilikata gereist, wo er als junger Mann seine Feldforschung gemacht hatte, aus der sein vielleicht wichtigstes Werk hervorgegangen ist, das 2002 unter dem Titel „Macht und Magie in Italien“ erschien (englische Ausgabe: Power and Magic in Italy 2011). Es war die mediterrane Landschaft zwischen Meer und Bergen, die Thomas immer so sehr faszinierte, und so blieb er dem Mittelmeerraum immer verbunden. Er prägte die Fachdiskussion auf zentrale Weise, und etablierte nicht zuletzt durch die Ausbildung mehrerer Studierendengenerationen die Mittelmeerraumforschung in der deutschen Ethnologie. Er sah diese oft zerklüftete, erdbebengeschüttelte Landschaft – wie er mir in seiner ansteckenden Faszination einmal schrieb – als „klassische mediterrane „Kammer“, charakterisiert durch sinngebende Gegensätze wie Ebene und Berg, kulturelle Reserve und globale Penetration, Welthandel und orientalische Despotie, Explosion und Friede, die sich in allen möglichen Bilderserien und Erzählungen und Ritualen, aber auch in Ökonomien, Politiken usw. mit anderen Erzählungen mischt und – von Momentaufnahme zu Momentaufnahme sich wandelnd – Sinn und Wissen produziert.“ Er vermochte es auf elegante Weise über Gegensätze, Konkurrenzen, Skalierungen und Entfernungen hinweg sinnstiftende Bilder zu zeichnen und komplexe Sinnzusammenhänge zu einem großen Bild der Erkenntnis zu verweben.
Mit seiner schonungslosen Ehrlichkeit und seiner Gabe, genau hinzuschauen, hat er so manchen wunden Punkt getroffen, etwa in seiner Aufarbeitung der Last der Vergangenheit in der modernen Sozial- und Kulturanthropologie („Lebenslust und Fremdenfurcht. Ethnologie im Dritten Reich“, 1995). So hat er von Beginn an die Sozial- und Kulturanthropologie immer in unsere Mitte zurückgeholt, nicht nur durch seinen Fokus auf Italien als Forschungsfeld für die Ethnologie, sondern auch seine Deutschlandethnologie („Inspecting Germany“, herausgegeben mit Bernds Jürgen WarnekeN, 2003). 2012 erschien dann sein Buch „Weihnachtsmann. Die wahre Geschichte“, eine kulturvergleichende Studie über die Multikulturalität und die asiatischen Wurzeln des westlichen Weihnachtsmanns.
Er wollte die Sozial- und Kulturanthropologie ernst genommen sehen, hielt am Potenzial ihrer Methodik fest, war gegen eine Zerfaserung des Fachs, in Subdisziplinen, wenn er etwa für eine engere Vernetzung mit der Museumsethnologie warb (Jahrbuchbericht Wissenschaftskolleg Berlin 2007/2008), oder für eine fruchtbare Verbindung mit anderen Disziplinen wie den Geschichts- und Religionswissenschaften (Epiloge – Mediterranean survivals. Zeitschrift für Ethnologie, 145(2), 2020: 371–398).
Die Begegnung mit LomonaK, diesem Gespenst, ließ ihn die Frage nach der Unvermeidbarkeit von Religion neu stellen:
„Die Begegnung mit LomonaK, in der heißen Augustnacht des Jahres 1990, wirkte auch für mich in der Zeit um das Jahr 2000 wie aus der Zeit gefallen. Aber das hat meinen Spleen nur insgeheim verstärkt, denn in diesem seltsamen Festhalten an meinem Erlebnis steckte etwas anderes, die Grundfrage nach dem Missverhältnis zwischen Aufklärung, Religion, und Wissenschaft – oder Fake News, autoritären Kulten und zivilgesellschaftlicher Kritik. Heute spricht man von der Wiederkehr der Religionen, nur, dass sie sich in Westeuropa oft nicht wie in islamischen Ländern, den USA oder in Russland als Rückkehr zu Kirchen und Gemeinden äußert, sondern als Übergang der kirchlichen Kulte in private Misch-Religionen des Internet und der Esoterik. Bei Religion steckt der Teufel im Detail – unvermutet bringt ein „Gott der Kleinen Dinge“ das soziale und politische Schachspiel durcheinander, in ebenso unvorhersehbaren wie unvermeidbaren Akten. Genau so erging es mir. Es hat mit der Angst vor dem Tod zu tun und zugleich mit der Sehnsucht nach Transformation und Bewusstseinserweiterung.“ („Gespenst im Kopf. Die Unvermeidbarkeit von Religion“, im Erscheinen, S. Fischer Verlag)
Er wollte keinen Nachruf, keine Lobhudeleien, seine Stimme sollte bleiben und wirken, auch durch sein Buch, ein letztes Geschenk. Hinterlassen hat er uns sein vielleicht faszinierendstes Werk über die Unvermeidbarkeit von Religion, das posthum im S. Fischer Verlag erscheinen wird, in dem er seine vielschichtigen Gedanken zu Religion, Magie und Neurobiologie und dem, was irgendwo im Graubereich zwischen Realität und Halluzination liegt, verdichtet hat. Ein Thema, das ihn zeitlebens bewegt hat und über das er auch über seinen Tod hinaus – wie LomonaK – mit uns sprechen wird. Eine letzte Aufforderung an die Sozial- und Kulturanthropologie, sich den zentralen Themen unserer Zeit zuzuwenden und große Antworten auf die großen Fragen zu suchen. Gründlich, komplex und eigensinnig.
Lieber Thomas, riposa in pace.